Herztiere aus Ton

Was das Herz weiß und die Hände formen. Spielerisch und unperfekt. Gestalten, was uns verbindet – mit der Natur, mit den Tieren, mit uns selbst.

Warum Herztiere?

Vielleicht kennst du den Begriff Krafttier. In schamanischen Traditionen weltweit bezeichnen Krafttiere geistige Begleiter, die den Menschen schützen und stärken – der Bär für innere Stärke, der Adler für Weitblick, die Eule für Intuition, der Wolf für Gemeinschaft.

Das Wort „Krafttier" hat seinen Ursprung und seinen Wert. Für dieses Projekt möchte ich ein freieres Wort – eines, das weniger festlegt und mehr einlädt: Herztiere.

Ein Herztier ist das Wesen, das dir am Herzen liegt. Das Tier, das auftaucht, wenn du träumst, das dich fasziniert, seit du ein Kind warst, das dich berührt, wenn du ihm begegnest. Ein Herztier muss nicht mächtig oder exotisch sein – es kann eine Amsel sein, ein Dachs, eine Feldmaus. Es muss nicht „richtig“ bestimmt werden. Es muss nur stimmen – für dich.

Und wenn wir dieses Tier aus Ton formen – spielerisch, unperfekt, mit schmutzigen Händen und offenem Herzen – dann passiert etwas: Wir geben dem, was in uns lebt, eine Gestalt. Nicht die perfekte Gestalt. Sondern unsere.

Mensch und Tier im alten Europa

Die beseelte Welt der Kelten und Germanen

Lange bevor das Wort „Krafttier“ existierte, lebten die Menschen Europas in einer Welt, in der Tiere weit mehr waren als Nahrungsquelle oder Nutzobjekt. Für die Völker der Vorzeit war alles beseelt – Bäume, Steine, Flüsse und vor allem: Tiere. Sie waren Gegenüber auf Augenhöhe, Botschafter zwischen den Welten, Spiegel der eigenen Seele.

Viele Götter und Göttinnen erschienen in Tiergestalt: Der Hirsch war das Attribut des Gottes Cernunnos, die Bärin verkörperte die Göttin Artio, der Rabe war Botin der Morrigan, und der Lachs galt als Träger uralter Weisheit. Tiere, die sich geschickt den Jägern entzogen, galten als verwandelte Götter. Vögel faszinierten durch ihr Verschwinden im Vogelzug, das man als Reise in die Anderswelt deutete. Selbst die Namen spiegeln diese Verbundenheit: Oscar bedeutet „der Hirschliebende“, Oisin „kleiner Hirsch“.

Bei den Germanen war die Verbindung ebenso innig: Der Eber gehörte zu Freyr, Wolf und Rabe zu Odin. Odins zwei Wölfe Geri und Freki saßen an seinem Tisch, sein achtbeiniges Pferd Sleipnir trug ihn zwischen den Welten. Das Pferd gehörte regelrecht zur Familie – heiliges Tier, Orakeltier, Gefährte. Namen wie Arnold („Adlerkraft“), Bernhard („bärenstarker Held“) oder Wolfgang („Wolfsgang“) sollten dem Träger die Kräfte des Tieres übertragen.

Gleichwürdige Gegenüber, nicht Untergebene

Die Kelten betrachteten Tiere als ebenbürtige Gegner bei der Jagd. Auch waren die Tiere Brücken zwischen den Welten, Botschafter der Götter, Orakelwesen und Seelenbegleiter. Diese Beziehung dürfte nichts mit Romantik oder Esoterik zu tun haben. Sie war existenziell. Tiere waren Lehrer, Beschützer und Spiegel und der Mensch begegnete ihnen nicht als Herrscher, sondern als Teil einer lebendigen, beseelten Gemeinschaft. 

Was verloren gegangen ist – Die große Entfremdung

Der erste Bruch: Die Dämonisierung der Tierwelt

Mit der Christianisierung begann eine fundamentale Umkehrung. Die alten Götter wurden zu Dämonen, und mit ihnen verloren die heiligen Tiere ihren Status. In Visionsberichten seit der Spätantike erscheinen Tiere plötzlich als Höllenwesen.

Die Höllenbilder eines Hieronymus Bosch sind voll davon. Reste blieben – der Heilige Geist als Taube, Jesus als Lamm –, aber die lebendige Verbindung zwischen Mensch und Tier-Geist wurde systematisch gekappt.

In diesem Weltbild wurde das Tier zum Objekt. Die Ehrfurcht vor dem Bären wich dem Glauben, der Mensch stehe als Krone der Schöpfung über allen Lebewesen. Tiere wie fühllose Sachen zu behandeln, so der Kulturhistoriker Dinzelbacher, muss als Grundeinstellung des alteuropäischen Menschen der folgenden Jahrhunderte gelten.

Der zweite Bruch: Aufklärung, Industrialisierung, Entkörperlichung

Die Aufklärung vertiefte die Kluft. Descartes erklärte Tiere zu seelenlosen Maschinen. Die Industrialisierung machte sie zur Ware, zur Ressource, zum Produktionsfaktor.

Doch die Entfremdung geht tiefer. Der Soziologe Durkheim erkannte schon im 19. Jahrhundert, dass die Moderne den Menschen mehrfach entwurzelt: von sozialen Bindungen durch Individualisierung, von der Natur durch Urbanisierung, von der Arbeit durch Technisierung. Der Philosoph Gernot Böhme beschrieb, wie der moderne Mensch sogar den eigenen Körper behandelt wie etwas Fremdes – „unheimisch“ im eigenen Leib. Genau diese Körper-Entfremdung hat auch die Verbindung zum Tier gekappt – denn das Tier verkörpert, was wir in uns selbst verdrängt haben: das Instinktive, das Wilde, das Ungezähmte, das Spielerische.

Vom Biotop zum Technotop: Unsere heutige Wirklichkeit

Die Natursoziologie spricht von einem revolutionären Übergang: Die Menschheit bewegt sich von ihrem arteigenen Biotop in ein selbstgeschaffenes Technotop. Und haben wie es bemerkt? Drei Viertel der Bevölkerung in Industriestaaten leben in Städten. Wer dort aufwächst, hat kaum Möglichkeiten, Tiere in freier Wildbahn zu erleben.

Die digitale Entfremdung: Die Distanz zur Natur wächst von Generation zu Generation. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen verbringt Stunden täglich vor Bildschirmen. Kinder kennen Pokémon-Figuren, aber nur wenige die häufigsten heimischen Tierarten. In Kinderbüchern nimmt die Darstellung von Natur seit den 1930er Jahren ab. Naturbegriffe verschwinden aus Songtexten und Romanen.

Die emotionale Entfremdung: Wissenschaftler beobachten ein wachsendes Phänomen namens Biophobie: Angst, Ekel und Ablehnung gegenüber der Natur. Viele Menschen verlieren nicht nur den emotionalen Bezug, sondern beginnen, Natur als Bedrohung wahrzunehmen. Die kindliche Naturverbundenhei geht zum größten Teil auf familiäre Prägung zurück – Eltern ohne Naturbezug geben diese Distanz unbewusst weiter. Ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt.

Das Tier als Ware: Die industrielle Auslöschung der Begegnung

Nirgends zeigt sich die Entfremdung brutaler als in der Massentierhaltung. Was früher Beziehung war – der Bauer, der seine Kühe beim Namen kannte – ist anonymer Industrieprozess. Das Tier ist Produktionsfaktor, kein Individuum. Das Fleisch im Supermarkt verrät nichts mehr über das Wesen, das es einmal war.

Haustier-Kult und Wildtier-Angst: Eine gespaltene Beziehung

Paradoxerweise war die emotionale Zuwendung zu Tieren nie so groß wie heute – allerdings in gespaltener Form. Haustiere werden vermenschlicht und zu Familienmitgliedern erklärt. Gleichzeitig akzeptieren wir das massenhafte Leid von Milliarden anderer Tiere. Das Wildtier löst zunehmend Unbehagen aus, weil es sich unserer Kontrolle entzieht. Keine dieser Beziehungsformen hat etwas mit der Gleichwürdigkeit zu tun, die unsere Vorfahren mit der Tierwelt verband.

Der Verlust des Körperwissens

Wir leben in einer Gesellschaft, die den Kopf über den Körper stellt, das Denken über das Spüren, die Kontrolle über das Loslassen. Unsere Hände tippen, wischen, klicken – aber formen, graben, spüren sie noch?

Studien belegen: Naturkontakt senkt Blutdruck und Cortisol, fördert Konzentration und emotionale Gesundheit.  In Japan gehört „Waldbaden“ zur medizinischen Grundversorgung. Doch was uns fehlt, ist nicht Wissen über Tiere – davon gibt es mehr als je zuvor. Was fehlt, ist die erlebte Verbindung. Das Körpergefühl, das entsteht, wenn wir einem Tier am Waldrand begegnen. Das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein.

Was auf dem Spiel steht

Eine Gesellschaft, die kein Verhältnis zur Natur hat, wird sich nicht für die Natur einsetzen. Arten, die man nicht kennt, wird man nicht vermissen. Und Tiere, die man nur noch als Ware, Bedrohung oder Unterhaltung wahrnimmt, können nicht mehr sein, was sie für unsere Vorfahren waren: Lehrer, Beschützer, Spiegel der Seele. Oder eben: Herztiere.